Liens familiers
Vertraute Gespräche entfalten sich an jenen Orten, die Berührungspunkte zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Großmutter und Enkelin sind: Am Meer, dem Vergnügungspark und entlang sorgsam sortierter Erinnerungsstücke. In Vertrautheit spüren hier zwei Frauen, eine davon die Filmemacherin Cordula Rieger selbst, einer Leerstelle nach und holen deren Umrisse zögerlich aus der Unschärfe hervor. Im Zögern liegt dabei keine Berührungsangst, vielmehr ein respektvolles einander Zeit geben.
Als schließlich eine Box mit der Beschriftung „Edith“ geöffnet wird, setzt sich aus Kamerablicken und (Halb-)Sätzen die Erzählung über ein Zugunglück zusammen, das sich 1985 auf der Strecke von Le Havre nach Paris ereignete. „Eine Erfahrung, die uns im Leben etwas verstehen lässt.“ erklärt die Großmutter. Die Entgegnung ihrer Enkeltochter: „Also, denkst du, dass ich es verstehen kann?“
Die intim dokumentierten Momente zwischen Cordula und ihrer Großmutter werden von einer inszenierten Zugfahrt der Gegenwart durchzogen: Hier fährt Cordula selbst in einem vollen Zug nach Paris, als dieser plötzlich eine Notbremsung machen muss. Im Moment der abrupten Bremsung wirkt die Realität in der Fiktion nach, findet einen Echoraum im plötzlichen Stillstand, in dem sich die Frage zwar weiter ausdehnen, aber auch an Grenzen stoßen kann: Wie können wir uns in und durch geteilte Momente verstehen?
Diesen Möglichkeiten von Dokumentation und Fiktion, sowie deren Bruch- und Verbindungslinien nachfühlend, gelingt Liens familiers ein zärtliches Sprechen und Begegnen durch Abwesenheit. Verkürzten Erzählungen von Schicksalsschlägen verweigert sich die Geschichte dabei und wählt anstatt dramatischer Enthüllungen ein behutsames Abtasten von Zäsuren – wissend, dass Betroffenheit nicht gleich sein muss, um Verständnis füreinander zu haben. (Lisa Heuschober)
Directors’ statement for Familiar Ties
When my grandmother said that losing her daughter gave her a different understanding of other people's grief, I asked her: "Do you think I can understand yours?" She didn't answer and smiled at me instead.
In my experience, family history shapes how we understand loss. Sooner or later, everyone is confronted with death: personally, through family stories, or more abstractly through the daily news. When a train stops because someone has taken their own life, reactions differ: some passengers simply pass the time waiting, while for others, the sudden halt may awaken painful memories.
The first screenplay of Familiar Ties was already intertwining fictional scenes and the draft of documentary ones. After filming the conversations with my grandmother, together with Magdalena Steiner, we selected fragments from nine hours of material and wove them into the screenplay, readapting the fictional parts. The train scenes were shot half a year later, creating a dialogue between lived memory and the difficulty of talking about grief.
In a time when every day we are confronted with the deaths of people we don't know Familiar Ties comes as an echo of empathy. It reflects upon the impossibility of fully grasping the depths of another person's grief and the necessity of trying nonetheless.
Cordula Rieger
Liens familiers
2025
Österreich, Frankreich
25 min