Leaving Light
Ist es nicht absurd, überlegt Javier Marías in seiner Erzählung "Als ich sterblich war", dass der Raum fortdauert, während die Zeit für die Lebenden ausgelöscht wird? Oder ist es vielmehr so, dass der Raum die Zeit in sich aufbewahrt, aber nichts von deren Geheimnissen preisgibt?
In Viktoria Schmids Leaving Light bleiben entleerte Räume zurück, es bleibt das Abschiedslicht im von der Autorin aufgegebenen Atelier im Sonnenhaus, eine frühe(re) Forschungsstelle für erneuerbare Energie. Sie nimmt etwas mit davon, indem sie dieses Licht nicht nur festhält, sondern es in Schichten übereinanderlegt und zusammen mit der verstreichenden Zeit auffächert zu einer Ahnung von Marías’ Blick der Verstorbenen – jenem von Geistern –, dem sich alles und alle Zeiten simultan darbieten wie nie den Sterblichen.
Gleichzeitigkeit, die Licht, Zeit und Raum zu gespenstischem Zittern animieren kann, erzielt Schmid mit ihrem schon in früheren Filmen erprobten Verfahren sukzessiver, je verschieden farblich gefilterter Mehrfachbelichtungen direkt in der Kamera, eine Anspielung auf das historische Technicolor, bei dem drei simultan belichtete Filmstreifen nachträglich zu einem nahtlosen Bild zusammengefügt wurden.
Bei Schmid franst vieles aus, wenn sie aufs Neue jene erstaunliche Erfindung des 19. Jahrhunderts fruchtbar macht, bei der ein Film durch ein mechanisches Werk gezogen, dabei je 24 Mal in der Sekunde angehalten, in Ruhe belichtet und weitertransportiert wird. In kontrollierten Kadrierungen lässt Leaving Light – eine einzelne kleine, in der Kamera „geschnittene“ 16mm-Rolle – dem Spiel, den von Maschine und Handarbeit generierten kleinen (Pass-)Ungenauigkeiten, dem sanft oszillierenden Bildstand oder dem un/absichtlichen Bewegen von Kamera und Filtern, freien Lauf und hebt so das materialgebundene Bild wundersam in körperloses Schweben. (Thomas Korschil)
Leaving Light
2026
Österreich
3 min