Dokfilmmeister
Eine für Jan Soldats Filme typische Einstellung: Der nackte Körper eines Mannes, von den Knien bis zur Brust. Er steht in einem für Soldat typischen Raum (einem Keller) und setzt sich auf die Anweisung des hinter der Kamera stehenden Filmemachers auf den Boden. In genau diesem Moment tritt Soldat (in für ihn typischen kurzen Hosen und New Balance Schuhen) ins Bild, zieht eine Waffe und hält sie dem Mann an den Kopf. In ruhigem Ton fordert er den nun in die Kamera Blickenden auf, die kurzen Textpassagen auf einem Blatt Papier vorzulesen: Allesamt sind es an den Regisseur gerichtete Botschaften, die seine dokumentarische Praxis bewundernd analysieren, ihm außerordentliche Menschlichkeit, gar eine humanistische Ethik attestieren und sich mehr und mehr in ungeahnte Höhen des Lobes, der Huldigung, der Verehrung schrauben.
Dokfilmmeister ist ein von düsterem Humor, augenzwinkernd-ironischer, vielleicht aber auch trauriger Entzauberung durchzogener Film. Natürlich ist er auch ein Kommentar auf das Dokumentarische, das stets auch inszeniert ist und damit die Frage von Machtverhältnissen stellt. Über diese Binsenweisheit geht er weit hinaus. Denn die verlesenen Briefe erzählen von den Machtverhältnissen zweiter Ordnung: Von den Projektionen der Zuschauer:innen (die auch Kurator:innen, Festivalleiter:innen etc. sind), die nicht davon ablassen können, ein involvierendes Werk nicht bloß als eben solches, sondern als Ausdruck der Haltung eines Individuums zu lesen, das, solange die Werke gezeigt, besprochen, rezensiert, prämiert werden, gehuldigt, verehrt, überhöht: zum Meister seiner kreativen Praxis erklärt wird. Sie verweisen also auch auf einen Markt, dem alle Filme unterworfen und ausgeliefert sind, und die Sprache dieses Marktes, die ihren Wert und den ihrer Macher:innen beschreibt und festlegt. In genau dieser Dimension werden sie zu einer Kippfigur, werden all die positiven und mit Markern der Aufrichtigkeit und Verehrung durchzogenen Worte selbst zu einer Waffe, die Soldat (und alle Filmemacher:innen) – in übertragenem Sinne – immer schon am Haupt ihres Daseins als Künstler:innen empfinden müssen: als von Zuckerguss überzogene Drohungen, die stets auch davon künden, welche Macht ihnen innewohnt, wenn sie nicht mehr da sind, weil niemand sie schreiben, die Filme niemand zeigen will und der Dokfilmeister in Ungnade fällt. (Alejandro Bachmann)
Dokfilmmeister
2027
Österreich, Deutschland
9 min