Rebel Yeah – Now and Then!

Do 17. September 2026 - Sa 19. September 2026 22:00
GEGENkino Leipzig

In vergangenen Ausgaben haben wir filmische Initiativen oder Vereine ausgewählt, deren Arbeit wir mit kuratierten Filmprogrammen eine Plattform bieten. Unter anderem waren das Abende mit experimentellen, selbst entwickelten und produzierten 16mm-Arbeiten von Distruktur und dem Labor Berlin (2022), zur wegweisenden Arbeit des Kino Armata in Pristina/Kosovo (2023) und ein Abend mit feministischen 16mm-Filmen aus dem Archiv der Kinemathek Asta Nielsen aus Frankfurt am Main (2024).

Diesen Strang führen wir fort mit sixpackfilm aus Wien, einem Verleih für künstlerischen Film. Zusammen mit Geschäftsführer Dietmar Schwärzler haben wir vier Programme kuratiert, um deren Arbeit als Filmverleih und -archiv zu präsentieren. Damit rücken wir einen Bereich internationaler Film- und Festivalarbeit in den Fokus, der meist öffentlich und somit für das Publikum nicht präsent bzw. zugänglich ist. sixpackfilm wurde 1990 als Non-Profit-Organisation (Verein) gegründet. Das wichtigste Ziel deren Arbeit besteht in der Herstellung von Öffentlichkeit für das österreichische künstlerische Film- und Videoschaffen. Dies geschieht auf dem Weg des Vertriebs, des Verleihs, , der Konzeption und Organisation von Veranstaltungen im In- und Ausland, sowie ihrem Label INDEX Edition. Nach Festivalscreenings gelangen sämtliche Arbeiten in den Verleih, der mittlerweile mehr als 2.500 Titel im Programm hat. Darin lassen sich historische Klassiker der österreichischen Avantgarde – etwa VALIE EXPORT, Mara Mattuschka, Peter Weibel, Maria Lassnig, Ashley Hans Sheirl, Ursula Pürrer oder Kurt Kren – entdecken, neben jüngeren Namen wie Johann Lurf, Martha Mechow, Kurdwin Ayub, Jan Soldat, Selma Doborac oder Lukas Marxt.

Das gesamte Programm umfasst vier Teile, die in Anwesenheit von Dietmar Schwärzler und weiteren Filmemacher:innen präsentiert wird: am 17.09. ein Loop aus Kurzfilmen zum Spannungsfeld Öffentlichkeit/Privates im Milieu Kino im Rabet, am 18.09. zwei Kurzfilmprogramme, ein historisches zur österreichischen Avantgarde und eines mit gegenwärtigen Arbeiten, im Luru Kino und zum Abschluss am 19.09. ebenfalls im Luru Kino ein Programm mit Filmen von Viktoria Schmid in ihrer Anwesenheit.

  

Draußen im Kino: Kurzfilme aus dem Bestand von sixpackfilm

VALIE EXPORT: TAPP und TASTKINO, AT 1968, 2 min.
Ashley Hans Scheirl, Ursula Pürrer: Ein Schlauchboot und Austern, AT 1985, 5 min.
Eve Heller: Astor Place, US 1997, 10 min.
Phil Solomon: CROSSROAD, US 2005, 5 min.
Jannis Lenz: Schwerelos, AT 2016, 9 min.

Ausgehend von der Verlegung des Kinosaals in den öffentlichen Raum macht eine Kurzfilmrolle mit Arbeiten aus dem Bestand des Wiener Filmverleihs sixpackfilm die Grenzlinien zwischen Öffentlichem und Privatem, Sichtbarem und Verdecktem zum Thema. VALIE EXPORTs TAPP- UND TASTKINO macht auf ironische und provokante Weise im wörtlichen Sinne „begreifbar“, was der Voyeur im Schauen ertasten will. In einer Straßenaktion schnallt sich Export einen vorne und hinten offenen Kasten, den verkleinerten Kinosaal, vor die nackten Brüste. Passanten werden aufgerufen, das Kino zu besuchen...In ASTOR PLACE von Eve Heller sehen wir durch ein nach außen hin verspiegeltes Schaufenster auf den gleichnamigen Platz in New York City. Passant:innen ziehen vorbei. Ohne zu wissen, dass sie beobachtet werden, schauen sie in die Kamera, um bald davon zu ziehen. Eine Anordnung von asymmetrischen Blicken, die im Kino an Komplexität gewinnt. Ursula Pürrers und Ashley Hans Scheierls EIN SCHLAUCHBOOT UND AUSTERN ist queeres DIY-Schmalfilmkino: Punkfrauen in der New Yorker U-Bahn, Homemovie-Schnipsel und Sexuell- Surreales. Das Programm wird als Loop gezeigt.

17. September, 16 Uhr
Milieu Kino im Rabet
Der Eintritt ist frei

 

Struktur, Körper, Rebellion

Peter Kubelka: Arnulf Rainer, AT 1960, 7 min.
Ernst Schmidt jr.: Start, AT 1973, 11 sec.
Ernst Schmidt jr.: Hallo, AT 1964, 12 sec.
Ernst Schmidt jr.: Die kleine Maschine, AT 1977, 38 sec.
Ernst Schmidt jr.: Das Happening, AT 1969-1979, 11 sec.
Kurz Kren: 10/65 Selbstverstümmelung, AT 1965, 5 min.  
Moucle Blackout: Die Geburt der Venus, AT 1970-1972, 5min.
Maria Lassnig: Couples, AT/US 1972, 9 min.
VALIE EXPORT: Remote…Remote…, AT 1973, 10 min.
Mara Mattuschka: Kugelkopf, AT 1985, 6 min.
Linda Christanell: Rouge et Noir, AT 1993, 10 min.
Ursula Pürrer, Ashley Hans Scheirl: Sex and Crime, AT 1984, 3 min.
Ursula Pürrer, Ashley Hans Scheirl: Gezacktes Rinnsal schleicht sich schamlos schenkelnässend an, AT 1985, 4 min.
Peter Weibel: TV-Aquarium (TV-Tod I), AT 1970, 2 min.
Peter Weibel: Abbildung ist ein Verbrechen, AT 1970, 2 min.
Peter Weibel: Zeitblut (Club 2), AT 1979, 3 min.
Ursula Pürrer, Ashley Hans Scheirl: Gleichzeitig Nackt, AT 2024, 3 min.

Es gibt die Legende, dass bei der Uraufführung von ARNULF RAINER am Ende keine Person mehr im Saal anwesend war. Mittlerweile zählt der Film von Peter Kubelka zu den Klassikern des strukturellen Films. Die witzigen Film- und Medien-Miniaturen von Ernst Schmidt jr. und Peter Weibel spielen mit dem Publikum und stellen das Dispositiv, in dem sie stattfinden, zur Disposition. Die Arbeit mit dem (nackten) Körper ist ein bedeutendes Stilelement in der bildenden Kunst der österreichischen (Nachkriegs-)Geschichte; besonders einflussreich waren die Wiener Aktionisten – Günter Brus, der seinen eigenen Körper nutzt, die nachhaltig spannendste Position dieser Gruppe. Mit ihrer feministischen Perspektive der Selbstermächtigung haben VALIE EXPORT, Mara Mattuschka, Linda Christanell, Ashley Hans Scheirl und Ursula Pürrer den Wiener Aktionismus erweitert und neu interpretiert. Der oftmalige Einsatz ihres eigenen Körpers bildet das Terrain, auf dem große Lust, aber auch großer Schmerz empfunden wird. Moucle Blackout und Maria Lassnig widmen sich dem nicht immer kongruenten Zusammenspiel von Frau und Mann. Allesamt Filme zur Erforschung der Sensorik des Kinos, aber auch politisches Werkzeug, um gegen althergebrachte Wertevorstellungen zu rebellieren. (Dietmar Schwärzler)

In Anwesenheit von Ursula Pürrer und Dietmar Schwärzler

18. September, 18 Uhr
Luru Kino
€ 7,50 (€ 6,50 erm.)

 

Found Footage, Torten und Sex

Sasha Pirker: Everyone Deserves a Slice of the Pie, AT 2025, 17 min., OmeU
Jan Soldat: Der Angriff des Alfred Edel auf sich selbst, AT/DE 2025, 15 min., OmeU
Rom Sheratzky: Follow Back, AT/DE 2025, 23 min., OmeU
Emma Hütt, Tina Muffler: Bleifrei 95, DE/AT 2025, 24 min., OmeU

Was die Geschichte der Frauen im frühen Film, das 100-jährige Jubiläum des 16mm Formats, die Despoten der Gegenwart wie Putin, Trump, Netanjahu oder Erdogan, die Pavlova-Torte und politischer Aktivismus miteinander zu tun haben, darüber gibt Sasha Pirkers gewitzt choreografierter Kurzfilm Auskunft. Eine Hommage an den Schauspieler Alfred Edel, eine Kernfigur des Neuen Deutschen Films, montiert Jan Soldat in seinem genau recherchierten Gathered Footage-Stück: Sprechfragmente aus unterschiedlichsten Filmen und Rollen des Schauspielers baut Soldat zu einer kohärenten Erzählung, die kondensiert die Typologie(n) des Darstellers ausstellt. Rom Sheratzky wiederum nutzt eine öffentliche Live Stream-Kamera in Frankfurt/Main, um seinem Love Interest näher zu kommen, ein Unterfangen, das zwischen schamlosem Liebesglück und prickelndem Unbehagen oszilliert. Es gibt keine Konsequenzen – das könnte das erfrischende Motto von Emma Hütt und Tina Muffler in ihrem rasanten und berauschenden Kurzspielfilm über Freundschaft, Liebe und schnellen Sex. Ein queeres Road Movie, stationiert zwischen Tanke und der ältesten Lesbenbar Deutschlands (La Gata in Frankfurt/Main). (Dietmar Schwärzler)

In Anwesenheit von Emma Hütt und Dietmar Schwärzler

18. September, 20 Uhr
Luru Kino
€ 7,50 (€ 6,50 erm.)

 

Licht, Farbe, Zeit – die Filme von Viktoria Schmid

Rojo Zalia Blau, AT 2025, 10 min.
NYC RGB, AT/US 2023, 7 min.
KatharinaViktoria 2(021), AT 2021, 1 min.
A Proposal to project in Scope, AT/LT 2020, 8 min.
W O W (Kodak), AT 2018, 3 min.
A Tama for Ektachrome, AT 2016, 1 min.
A Proposal to project in 4:3, AT 2016, 2 min.
IT’S A DANCE, AT 2014, 2 min.
KatharinaViktoria, AT 2011, 1 min.
ACHTUNG / HALLO 35, AT 2010, 2 min.
GOLAN, AT 2012, 2 min.
Foodfilms, AT 2010, 8 min.

Viktoria Schmids filmische Arbeiten bewegen sich an der Schnittstelle von Experimentalfilm, Installation und Medienreflexion. Im Zentrum stehen die grundlegenden Elemente des filmischen Apparats – Kamera, Schnitt, Licht, Filmmaterial und Screen –, die Schmid nicht als bloße technische Voraussetzungen, sondern als eigenständige ästhetische und bedeutungstragende Faktoren bearbeitet. Ihre Filme beziehen sich somit auf das Dispositiv Kino, indem sie die Wechselwirkungen von Wahrnehmung und Projektion, Bildraum und Materialität sichtbar machen.

Häuserschluchten, Skyscraper und Wasserspeicher: Die Ikonografie des New Yorker Stadtraums ist bekannt. In NYC RGB allerdings zeigt uns Schmid New York City, wie wir es noch nie gesehen haben. Das analoge Filmmaterial hat sie mit unterschiedlichen Farbfiltern dreifach belichtet – zuerst rot, dann grün, schließlich blau – wodurch sich Farben, Architektur und Zeit zu einer völlig neuen Form der Wahrnehmung verbinden. NYC RGB und ROJO ZALJA BLAU sind Teil einer Werkreihe, in der sich Schmid mit frühen Aufnahmetechniken auseinandersetzt, mit historischen Farbverfahren des Analogfilms und in der Kamera „geschnittenem“ 16mm-Material.

In W O W (KODAK) kompiliert und manipuliert sie Amateuraufnahmen der Teilsprengung des Eastman Business Parks in Rochester, New York. Einst globales Zentrum der analogen Fotografie, wurden am Standort nicht mehr benötigte Produktionskapazitäten für Filmmaterial in Schutt und Asche gelegt. Die gezeigte Sprengung ist einerseits radikaler Ausdruck des Medienwechsels hin zum Digitalen. Im Rückwärtslauf der Aufnahmen, einer der frühesten Tricktechniken der Filmgeschichte, artikuliert sich zugleich die Sehnsucht nach dem Fortbestehen des Analogen.

Für A PROPOSAL TO PROJECT IN SCOPE errichtete Schmid eine Leinwand in Cinemascope, dem breitesten Bildformat, das vermehrt im Westerngenre verwendet wurde, an einer kargen Düne an der litauischen Küste. Der Film porträtiert gleichsam die Landschaft und dokumentiert die Intervention in den Naturraum. Schmidt filmte diese ortsspezifische Installation zu verschiedenen Tageszeiten, was die Leinwand zur Projektionsfläche für die Schatten der umgebenden Bäume und Sträucher machte. Ein Kino ohne Film.

In Anwesenheit von Viktoria Schmid und Dietmar Schwärzler

19. September, 20 Uhr
Luru Kino
€ 7,50 (€ 6,50 erm.)

Rebel Yeah – Now and Then!
sixpackfilm aus Wien

im Rahmen des GEGENkino-Festivals in Leipzig

Im Milieu Kino ist der Eintritt frei
Im Luru Kino kostet das Ticket
€ 7,50  bzw. ermäßigt € 6,50